Der vorletzte Tag in München – im Biergarten wärmt die Septembersonne, die Brotzeit ist gerade gekommen. Das Telefon klingelt, er schaut aufs Display. Emilia ruft an. Die Nachbarin, das hießt nichts Gutes. Er geht ran.

Von einer Sekunde auf die andere sackt alles in ihm ab. Gleichzeitig fährt der innere Motor hoch. Im Kopf beginnt es zu rattern. Er hat Routine darin und dennoch erwischt es ihn jedes Mal mit voller Wucht.

Es hat mal wieder nicht geklappt. Sein Vater ist in der Klinik. Die Nachbarin hat gerade den RTW gerufen. Jetzt beginnt alles wieder von vorn. Und er mittendrin.

Ca. 18 Millionen Menschen sind in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen. Partnern und Partnerinnen, Kinder, Eltern und Geschwister leben mit diesen Menschen und ihrer Krankheit. Nur 18,9 Prozent der Erkrankten suchen jährlich den Kontakt zu Behandlerinnen und Behandlern1.

Angehörige sind oft stark involviert in den Alltag der Erkrankten. Unzureichende Hilfen für sie und die Erkrankten selbst machen den Alltag zu einer immer wiederkehrenden Belastungsprobe. In den Hilfsangeboten werden Angehörige auf politischer Ebene unzureichend bis gar nicht berücksichtigt. Vielmehr ruht sich das System aus auf ihnen. Sie leisten Care Arbeit, finanzielle Hilfe und psychische Begleitung – oft ohne selbst ausreichend Unterstützung und Mitsprache im System zu haben. Das zeigt auch die Stellungnahme des Angehörigenverbandes zum aktuellen Gesetzentwurf zur Stärkung der nationalen Suizidprävention. Hier heißt es: „Was jedoch fehlt, ist ein konsequenter Fokus auf die Einbindung und Unterstützung von Angehörigen. Diese übernehmen oft eine Schlüsselrolle in der Begleitung suizidgefährdeter Menschen, werden aber weder als Zielgruppe spezifischer Unterstützungsangebote ausreichend berücksichtigt noch systematisch in Präventions- und Nachsorgekonzepte eingebunden.“2

Wer plötzlich in der Klinik steht und begreifen muss, dass das eigenständige Leben von Kindern, Eltern, Geschwistern oder Freunden so nicht mehr möglich ist, muss schnell lernen und sich organisieren oder geht selbst unter.

  1. DGPPN e. V. (2025) Basisdaten Psychische Erkrankungen, Stand Februar 2025, verfügbar unter https://
    www.dgppn.de/schwerpunkte/zahlenundfakten.html, Zugriff am 26.10.2025 ↩︎
  2. https://www.bapk.de/fileadmin/user_files/bapk/positionen/2025/SN_2025-02-11_Suizidpraeventionsg.pdf Zugriff am 26.10.2025 ↩︎